Festakt in Erkner: Hauptmann-Gesellschaft erwirbt Familienschätze für Museum

Am 14. November 2017 lud das Gerhart-Hauptmann-Museum Erkner zu einem Festakt mit anschließendem Museumsrundgang und Empfang: Genau 30 Jahre zuvor, am 14.November 1987, hatte der Gründer Dr. Gustav Erdmann das Museum am Vorabend zu Gerhart Hauptmanns Geburtstag feierlich eröffnet.

Eine ganz besondere Gabe konnte die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft dem Gerhart-Hauptmann-Museum dank einer großzügigen Spende der Sparkasse Oder-Spree über 5.000 Euro zu seinem 30-jährigen Bestehen zur Verfügung stellen: Familiensilber aus dem Besitz der Familie Thienemann, aus der Hauptmanns erste Frau Marie stammt, sowie Weinpokale gleicher Provenienz. Besteck und Römer gehörten in den Jahren zwischen 1885 und 1889, in denen die Familie Hauptmann in Erkner lebte, zum gemeinsamen Hausstand. An diesem Abend zierten sie, untermalt von musikalischen Klängen, die festliche Tafel in Hauptmanns ehemaligen Wohnräumen. Als Schenkung von Ingeborg Hauptmann kam gleichzeitig eine herausragende Barockkommode nach über 130 Jahren zurück nach Erkner, die ebenfalls aus dem Familienbesitz von Hauptmanns Frau Marie stammt.

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Zum Tode von Klaus Hildebrandt

Von Ulrich Schmilewski

Eine große Schar von Verwandten, Freunden und Weggefährten hatte sich am 27. April 2016 auf dem Nürnberger Westfriedhof eingefunden, um dem am 20. April in Nürnberg gestorbenen Dr. Klaus Hildebrandt das letzte Geleit zu geben. Geboren wurde Klaus Hildebrandt am 30. Juli 1936 im schlesischen Schweidnitz, wo er noch die Volksschule besuchte. Nach der Flucht setzte er seine schulische Ausbildung in Mittelfranken fort, legte sein Abitur in Nürnberg ab und studierte die Fächer Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Englisch und Philosophie an der Universität Erlangen, wo er 1965 mit einer Arbeit über „Gerhart Hauptmanns Verhältnis zur Geschichte“ zum Dr. phil. promoviert wurde. Beruflich hatte er sich für den Schuldienst entschieden, zunächst am Dürer-Gymnasium in Nürnberg, dann von 1987 bis zu seiner Pensionierung als Oberstudiendirektor und Schulleiter am Hardenberg-Gymnasium Fürth. Ein Anliegen war ihm dabei die Ausbildung auch der angehenden Pädagogen, so wurde er Seminarlehrer für Geschichte und Deutsch, schließlich Seminarleiter und -vorstand.

Seine Verbundenheit zu Schlesien sowie zu Leben und Werk von Gerhart Hauptmann fand Ausdruck in verschiedenen, häufig jahrzehntelangen Mitgliedschaften und ehrenamtlichen Tätigkeiten. So gehörte Klaus Hildebrandt der Historischen Kommission für Schlesien an, war Mitglied im Verein für Geschichte Schlesiens sowie – seit 1964 – der Freunde und Förderer der Stiftung Kulturwerk Schlesien e.V. Am aktivsten ist er in der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft gewesen, seit 1986 als Schatzmeister, Zweiter und schließlich bis letztes Jahr als Erster Vorsitzender; hier lagen ihm besonders die Hauptmann-Häuser auf Hiddensee, in Erkner und in Agnetendorf im Riesengebirge am Herzen. In Funktionen hat er sich auch eingebracht bei der Stiftung Kulturwerk Schlesien als Mitglied des Stiftungsrates seit 1982 und als interner Rechnungsprüfer. Dabei ging es ihm nie um das Amt als solches, sondern um die Sache und darum zu helfen, wenn er gerufen wurde. Gerufen wurde er auch im Jahre 2007, als es darum ging, in dieser Vierteljahreszeitschrift die Rubrik „Geburtstagsglückwünsche“ weiterzuführen.

Verbunden hat er diese aus der Liebe zu seiner Heimat Schlesien gespeiste Tätigkeit mit seinem fachlichen Wissen und Können insbesondere im Bereich der Germanistik. Dabei ging es nicht nur um die Erforschung und Darstellung von Leben und Werk Gerhart Hauptmanns, sondern auch anderer schlesischer Schriftsteller und Dichter vom Barock bis in die Gegenwart. Unter seinen zahlreichen Aufsätzen und Veröffentlichungen sind bemerkenswert und bleibend seine Würdigungen schlesischer Schriftsteller der Gegenwart, die er häufig auch persönlich kannte. In Vorträgen und in Aufsätzen beispielsweise in den „Schlesischen Lebensbildern“ hat Klaus Hildebrandt ihr Werk und ihr Leben, das mit dem Verlust der Heimat, mit Flucht, Vertreibung und Neubeginn in der Fremde auch seines war, vorgestellt, etwa Horst Bienek, Heinz Piontek, Jochen Hoffbauer und andere mehr.

Für diese seine ehrenamtlichen Tätigkeiten wurde Klaus Hildebrandt mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt, die Stiftung Kulturwerk Schlesien würdigte ihn im Jahre 2012 mit der Verleihung der Gerhart-Hauptmann-Plakette.

Der Schlesier Klaus Hildebrandt hat seine Heimat und die Literatur verbunden. Und so gebührt das letzte Wort dem Dichter Angelus Silesius (Cherubinischer Wandersmann I, 185):

Nicht du bist in dem Ort,
der Ort, der ist in dir!
Wirfst du ihn aus, so steht
Die Ewigkeit schon hier.

(Erschienen in: Schlesischer Kulturspiegel 51, 2016, S. 24 f., Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.)

Ein Leben für den Nachlaß Gerhart Hauptmanns
Zum Tod von Rudolf Ziesche (1930–2013)

Ende August diesen Jahres verstarb Rudolf Ziesche, dessen Person untrennbar verbunden ist mit der Erschließung von Gerhart Hauptmanns Manuskriptnachlaß. Die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e.V., Berlin, trauert um ihr Ehrenmitglied.

Die Stationen seines äußeren Lebens sind schnell aufgezählt: Er wurde geboren in Halle an der Saale, wo er aufwuchs und ein Studium der evangelischen Theologie absolvierte. Danach suchte er nicht den Weg in den kirchlichen Dienst, sondern fand über ein Projekt zur Erschließung historischer Quellen schließlich seine berufliche Heimat als wissenschaftlicher Angestellter in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Dort wurde ihm im Oktober 1969 die Aufgabe der Erschließung des Hauptmann-Nachlasses übertragen, den die Stiftung Preußischer Kulturbesitz 1968 für die damals immense Summe von 3,8 Millionen D-Mark erworben hatte, und zwar einschließlich der gegen den Willen der Erben in Ost-Berlin und auf Hiddensee zurückgehaltenen Teile des Nachlasses. Allerdings waren erst nach der deutschen Wiedervereinigung die Voraussetzungen dafür gegeben, auch den Hauptmann-Nachlaß zu vereinigen. Rudolf Ziesche engagierte sich für diese Zusammenführung besonders, weil er sich bei der Erschließung des Nachlasses stets mit den absurden Folgen der deutschen Teilung konfrontiert sah, vielleicht aber auch, weil seine eigene Biographie durch Mauerbau und Kalten Krieg mitbestimmt worden war.

Die Erschließung des Nachlasses war eine gigantische Aufgabe, denn allein der Manuskriptnachlaß umfaßt über 100.000 beschriebene Seiten. Rudolf Ziesche erkannte die Notwendigkeit einer von Anfang an inhaltlich tiefen Erschließung, und so entwickelte sich das Unterfangen zu einer Lebensaufgabe. Beständig bemüht, die Erschließungsarbeiten zu professionalisieren, hatte er für einen Geisteswissenschaftler seines Jahrgangs sehr früh die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung auch für die Nachlaßkatalogisierung erkannt. Heute kann man nur staunen, welche Schwierigkeiten er überwinden mußte, um seine Vision in die berufliche Praxis einer großen Behörde umzusetzen. Da in der Bibliothek an geeignete Ausstattung nicht zu denken war, setzte er seit 1985 mit Erlaubnis seines Vorgesetzten zunächst einen privat beschafften Computer ein. Der Personalrat aber befürchtete, daß sich hier jemand ›eine Karriere erschleichen‹ könne – und die Folge war ein vierjähriges Verwaltungsgerichtsverfahren bis zur höchsten Instanz. Der abschließende Beschluß des Bundesverwaltungsgerichts beschreibt den Konflikt wie folgt:

Der wissenschaftliche Angestellte Z. benutzt mit Erlaubnis der Verwaltung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in der dortigen Handschriftenabteilung für die Hilfsarbeiten, z.B. das Anlegen, Sortieren und Führen verschiedener Karteien und Kataloge, einen ihm gehörenden privaten Kleincomputer. Der Antragsteller, der Personalrat der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, beanstandete mit Schreiben vom 22. November 1985 an den Beteiligten, den Generaldirektor der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, daß er über den Einsatz dieses Computers nicht unterrichtet und auch nicht um Zustimmung gebeten worden sei. Er forderte den Beteiligten auf, zu veranlassen, daß sofort die Arbeit an dem Gerät eingestellt werde. Der Beteiligte wies die Beanstandung mit dem Hinweis zurück, Beteiligungsrechte des Antragstellers seien nicht berührt. Es bestehe kein Anlaß, dieser Privatinitiative entgegenzutreten und dem Mitarbeiter die Benutzung des Geräts zu verbieten. (BVerwG, 6. Senat, Beschluß vom 12.10.1989, Aktenzeichen: 6 P 9/88)

Wenn Rudolf Ziesche Jahre später davon erzählte, konnte er über die Angelegenheit nur lächeln, da die Entwicklung in den Bibliotheken zwischenzeitlich seinen damaligen Vorstoß längst überholt hatte. Man spürte aber trotzdem noch, wie ihn die Unterstellung der unzutreffenden Motivation getroffen hatte, denn Karriere zu machen, war ihm nicht wichtig. Ihm ging es viel mehr um die Sache, und wenn er von seiner Sache überzeugt war, vertrat er sie auch gegenüber Vorgesetzten mit großem Engagement, selbst wenn die Konsequenzen unbequemen Aufwand nach sich zogen. In der Folge erklärten ihn manche Vorgesetzte und Kollegen für ›schwierig‹. Man konnte aber durchaus den Eindruck gewinnen, daß er das eher als Auszeichnung empfand, auch wenn er es, diskret wie er stets war, wohl nicht so deutlich formuliert hätte.

Die Bedeutung seiner Arbeit für die Hauptmann-Forschung kann nicht hoch genug geschätzt werden. Seit er mit der Erschließung des Nachlasses begonnen hatte, fand man in philologischen Arbeiten über Hauptmann regelmäßig den Dank an Rudolf Ziesche. Bis zur Fertigstellung des Katalogs einschließlich Register (der dritte Band und der Registerband erschienen 2000) war man auf seine Hinweise angewiesen. Die bekam man zunächst in Telefonaten aus dem Handschriftenlesesaal oder, wenn der Erstkontakt hergestellt war, auch bei einem Besuch in seinem Büro ein Stockwerk tiefer. Und hatte man einmal sein Vertrauen erworben, gab er nicht nur formale Auskunft aus den während der Katalogisierung in einer Datenbank gepflegten Registern, sondern meldete sich gelegentlich auch von selbst, wenn er auf etwas gestoßen war, von dem er wußte, daß es in den Kontext entstehender Arbeiten passen könnte. Da die Benutzung des Nachlasses, auch der noch nicht katalogisierten Konvolute, von Anfang an möglich war, kam es immer wieder vor, daß man etwas bestellte, was gerade bei Rudolf Ziesche im Büro lag: zur Katalogisierung oder für Recherchen bei der Katalogisierung anderer Manuskripte. Denn Ziesche katalogisierte nicht nur formal, sondern erschloß die Manuskripte mit beträchtlicher inhaltlicher Tiefe und Verknüpfung zu anderen Teilen des Nachlasses wie Briefe und Bibliothek. Sein Katalog des Manuskriptnachlasses ist nicht weniger als die Vorstufe einer historisch-kritischen Hauptmann-Ausgabe, und er ist um so wichtiger, als es diese Ausgabe kaum jemals geben wird, weil die Menge des Materials mit den traditionellen Mitteln der Textkritik nicht mit vertretbarem Aufwand zu bewältigen ist.

So unentbehrlich der Katalog zum Manuskriptnachlaß für den Hauptmann-Forscher ist, so bescheiden schätzte Rudolf Ziesche seinen persönlichen Anteil an der Hauptmann-Philologie ein. In einem Brief schrieb er 2003 einmal: »Mit der Öffnung des Nachlasses sind ja zunächst – archäologisch gesprochen – Oberflächenbefunde gesammelt, betrachtet und publiziert worden. Ich war immer der Meinung, man müsse zum Verständnis von Hauptmanns Verhältnis zur Gesellschaft und zur Politik tiefere Schichten aufschließen […].« Das war zum einen die für seine Bescheidenheit charakteristische Einordnung des Katalogs auf eine zwar hilfreiche und notwendige, aber eben doch nur Vorarbeit für die Interpretation von Hauptmanns Werk und der Funktion seiner Persönlichkeit für das literarische Leben in Deutschland; zum anderen kritisierte er damit zugleich frühe Veröffentlichungen aufgrund des Nachlasses, die ebenfalls an der Oberfläche geblieben waren und, anders als seine Manuskriptbeschreibungen, dies nicht hätten tun dürfen.

Bemerkenswert war nicht nur Rudolf Ziesches Gründlichkeit bei der Nachlaßerschließung und seine Beharrlichkeit, zeitgemäße technische Mittel einzusetzen, sondern auch seine Integrität. Da er seine berufliche Tätigkeit nicht mit privaten Interessen in Konflikt bringen wollte, stimmte er erst nach Eintritt in den Ruhestand dem Vorschlag der Mitgliederversammlung zu, ihn als Ehrenmitglied in die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e.V., Berlin, aufzunehmen. Zurückhaltend und diskret blieb er auch als Ehrenmitglied. Seine Nachfragen und Hinweise zeigten aber, daß er aufmerksam verfolgte, was an Rundschreiben, Literaturhinweisen und Veröffentlichungen an die Mitglieder gelangte. Der Weg von Berlin nach Erkner zur jährlichen Mitgliederversammlung war ihm zuletzt aus gesundheitlichen Gründen meist zu beschwerlich. Überdies hatte der frühe Tod seiner Frau Eva Ziesche (1939–2005) seine Lebensfreude mehr als gedämpft, denn dadurch fand eine jahrzehntelange private, aber auch berufliche Symbiose ein abruptes Ende: Eva Ziesche war wie ihr Mann Mitarbeiterin der Handschriftenabteilung in der Staatsbibliothek; seit 1966 hatte sie mehr als 50 Nachlaßverzeichnisse erarbeitet, darunter den Katalog von Hegels handschriftlichem Nachlaß, für den ihr der Akademiepreis der Bayerischen Akademie der Wissenschaften verliehen wurde.

Als im November 2012 der Festakt zum 150. Geburtstag Gerhart Hauptmanns in der Staatsbibliothek stattfand, wenige hundert Meter von Rudolf Ziesches Wohnung entfernt, war er wieder unter den Gästen und durfte die späte, nun auch in der Staatsbibliothek öffentlich geäußerte Anerkennung in Grußworten und Festvortrag wahrnehmen.

Die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft wird ihm ein ehrendes Angedenken bewahren.

»Vor Sonnenaufgang« in der Schule

Aus dem umfangreichen Werk Gerhart Hauptmanns wird im Deutschunterricht fast nur noch eines der Dramen Der Biberpelz, Die Ratten oder Die Weber behandelt, sowie die Novelle Bahnwärter Thiel. Auf diese Werke sind die bekannten Verlage eingestellt, die kommentierte Ausgaben und Lektürehilfen anbieten, und selbst innerhalb dieses ›Hauptmann-Kanons‹ gibt es ein starkes Gefälle zugunsten des Bahnwärter Thiel, der es mit 3,7 Millionen verkauften Exemplaren immerhin unter die Top Ten seit 1948 in Reclams Universal-Bibliothek gebracht hat (auf Platz 6, noch vor Theodor Storms Schimmelreiter)[1] .

Seit Oktober 2010 erreichten die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft  e.V. nun mehrfach Anfragen, aus denen hervorging, daß in Baden-Württemberg Vor Sonnenaufgang für einige Jahre als Pflichtlektüre vorgesehen sei.[2] Drängendstes Problem schienen die Dialektpassagen zu sein, die den Schülern Schwierigkeiten bereiten würden, zumal auch Lehrer mit dem schlesischen Dialekt nicht vertraut seien. Ob es eine Übersetzung oder Hilfen gebe, war denn auch die häufigste Frage.

Die Frage nach der Existenz einer (hochdeutschen) Übersetzung läßt sich leicht beantworten: es gibt keine, wahrscheinlich auch keinen Markt dafür, zumal die Werke Gerhart Hauptmanns bis zum 1. Januar 2017 noch urheberrechtlich geschützt sein werden. Unter dieser Bedingung stünde einer Übersetzung oder kommentierten Ausgabe neben der inhaltlich zu leistenden Arbeit noch die Klärung der Lizenz (und der damit verbundenen Kosten) im Wege.

An dieser Stelle dokumentiere ich – als Hilfe zur Selbsthilfe – die Hinweise, die ich in verschiedenen Antworten gegeben habe.

Zunächst ist festzustellen, daß der größte Teil von Vor Sonnenaufgang gar nicht im Dialekt geschrieben ist. Wenn die Schüler das erst einmal bemerkt haben (oder man es ihnen gesagt hat), ist die Hürde wahrscheinlich schon etwas geringer. Nach Auskunft von Dr. Klaus Hildebrandt, dem 1. Vorsitzenden der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e.V., hat Hauptmann in den Dialektpassagen des Dramas die gebirgsschlesische Mundart »so gut wiedergegeben, wie es bei Dialekt überhaupt möglich ist«; »als Schlesier, der am Rande des gebirgsschlesischen Dialektgebietes seine Kindheit verbrachte«, könne er das »einigermaßen beurteilen«.

Beim Verstehen des Dialekts gibt es, vereinfacht gesagt, zwei Hürden, deren Unterscheidung helfen könnte: die Lautung und der Wortschatz. Für den schlesischen Wortschatz kommt man um eine Dialektwörterbuch nicht herum; das umfassendste zum Schlesischen dürfte das von Mitzka sein:

Dieses Wörterbuch sollte in besser ausgestatteten Universitätsbibliotheken oder Regionalbibliotheken verfügbar sein. Für den größten Teil der Dialektpassagen hilft es allerdings, einige Regeln zu entwickeln, die das Verstehen erleichtern könnten. Zentrale Rolle (wie oft in Dialekten) spielen die Vokale, z.B. ei -> oa (»kein« -> »koan«), allerdings kann auch a als oa auftauchen (»Arme« -> »Oarme«) oder oo als a (»hat« -> »hoot«). Das e kann zu a werden (»betteln« -> »batteln«), das u und ü zu e (»zurecht« -> »zerecht«, »für« -> »fer«), das a zu u (»ja« -> »ju«), das ö zu e (»Löcher« -> »Lecher«), das o zu u und/oder e (»Doktor« -> »Dukter«) und so weiter. Dann gibt es Verschleifungen (oder wie man das nennt): »geben« -> »gahn«, »nichts« -> »nischt«, ferner das auch im Süddeutschen häufige »wir« -> »mir« (oder »mer«). Das alles aufzuzählen, hat jetzt wenig Sinn, entscheidend ist, daß sich mit wenigen Regeln die Anzahl schwieriger Stellen schnell reduzieren läßt.[3]

Manchmal muß man auch einfach wissen, d.h. aus dem Kontext erschließen, was gesagt wird, um es dann im Text wiederzuerkennen (ähnlich wie oft beim Lesen von Handschriften); helfen kann auch, den Text laut zu sprechen. Im übrigen gebe ich gern zu, daß ich keineswegs alles Wort für Wort verstehe, trotz mehrfacher Lektüre; ich habe es trotzdem gewagt, ein gut dreißigseitiges Kapitel zu Vor Sonnenaufgang in meiner Dissertation zu schreiben (Kurzbeschreibung und Inhaltsverzeichnis: http://www.tempelb.de/wp-content/uploads/2011/05/alkohol_und_eugenik_info.pdf). Selbst dies ließe sich aber positiv wenden und den Schülern als Lerneffekt verkaufen: daß man keineswegs jedes Detail verstanden haben muß, um einem Drama folgen zu können.

Es wäre übrigens interessant, einmal zu vergleichen, welche Passagen für das inhaltliche Verständnis und welche für die Charakterisierung von Personen (Stand, Bildung) durch Dialekt und Hochdeutsch wichtig sind; mein Eindruck: die Dialektpassagen sind für das inhaltliche Verständnis gar nicht so entscheidend.

Schließlich einige Literaturhinweise:

Inzwischen gibt es wenigstens ein Buch zur Behandlung von Vor Sonnenaufgang in der Oberstufe:

Annegret Kreutz/Johannes Diekhans (Hgg.): Gerhart Hauptmann, Vor Sonnenaufgang (EinFach Deutsch: Unterrichtsmodell). Paderborn 2009

Laut Inhaltsverzeichnis (http://files.schulbuchzentrum-online.de/onlineanhaenge/files/978-3-14-022445-1_inhalt.pdf [Abruf 2012-02-05]) gibt es einen Abschnitt »3.3 Regieanmerkungen und Sprache« sowie Zusatzmaterial zur Sprache des Naturalismus. Da ich das Buch noch nicht in der Hand hatte, weiß ich nicht, ob dort auf die Problematik des Dialekts eingegangen wird.

Die folgenden drei Aufsätze habe ich als hilfreich für das Verständnis von Vor Sonnenaufgang in Erinnerung, sowohl für Einordnung in Werk und Zeit als auch im Hinblick auf thematische Interpretation:

  • Rüdiger Bernhardt: Sieg und Überwindung des Naturalismus. Gerhart Hauptmanns soziales Drama Vor Sonnenaufgang. In: Gerhard Rupp (Hg.): Klassiker der deutschen Literatur. Epochen-Signaturen von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Würzburg 1999, S. 117–160
  • Thomas Bleitner: Naturalismus und Diskursanalyse. ›Ein sprechendes Zeugnis sektiererischen Fanatismus‹ – Hauptmanns Vor Sonnenaufgang im Diskursfeld der ›Alkoholfrage‹. In: Ders./Joachim Gerdes/Nicole Selmer (Hgg.): Praxisorientierte Literaturtheorie. Annäherungen an Texte der Moderne. Bielefeld 1999, S. 133–156
  • Rolf Christian Zimmermann: Hauptmanns Vor Sonnenaufgang: Melodram einer Trinkerfamilie oder Tragödie menschlicher Blindheit? In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 69 (1995), S. 494–511

Für die Recherche nach weiterer Literatur zu Vor Sonnenaufgang eignet sich die internationale Hauptmann-Bibliographie:

Sigfrid Hoefert: Internationale Bibliographie zum Werk Gerhart Hauptmanns. 3 Bde (Veröffentlichungen der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft 3, 4 u. 12). Berlin 1986–2003

In dieser Bibliographie sind in Band I auch englische Übersetzungen von Vor Sonnenaufgang nachgewiesen. Es ist durchaus vorstellbar – und möglicherweise didaktisch interessant –, für die Übersetzung der im Dialekt gehaltenen Stellen den Umweg über eine englische Übersetzung zu nehmen. Ob das gelingt, hängt von den Englisch-Sprachkenntnissen ab (die im Zweifelsfall bei heutigen Lehrern und selbst Schülern besser als die Kenntnis des schlesischen Dialekts sein dürften), und von der Übersetzung – wenn diese die Dialektpassagen als solche überträgt (z.B. unter Einsatz von Slang oder Scots), verlagert sich das Verständnisproblem nur.

Fußnoten:

[1] Karl-Heinz Fallbacher (Hg.): Die Welt in Gelb. Zur Neugestaltung der Universal-Bibliothek 2012. Stuttgart 2012. URL: http://www.reclam.de/trck/data/media/Die_Welt_in_Gelb.pdf (Abruf 2012-02-05), S. 65.

[2] Daß Vor Sonnenaufgang seit dem Schuljahr 2011/12 Pflichtlektüre »in den Berufskollegs zum Erwerb der Fachhochschulreife und für die erste Klasse der Berufsoberschule (vergleichbar etwa mit der Klasse 12 an beruflichen Gymnasien)« ist, »im Berufskolleg zumindest bis 2014, in der Berufsoberschule wohl noch ein Jahr länger«, findet man nicht in den Lehrplänen, weil die Pflichtlektüre durch Erlaß des Kultusministerium festgelegt wird (freundliche Auskunft von Gerhard Schneider, Landesinstitut für Schulentwicklung, Stuttgart).

[3] Wer dies genauer studieren möchte, vgl. z.B. Karl Weinhold: Ueber deutsche Dialectforschung. Die Laut- und Wortbildung und die Formen der schlesischen Mundart. Mit Rücksicht auf verwantes in deutschen Dialecten. Ein Versuch. Wien 1853. URL: http://books.google.de/books?id=y3cRAAAAMAAJ (Abruf 2012-02-05).

Wortwolke: Gerhart Hauptmann liest Leopardi

Dieses hübsche Hauptmann-Motiv wurde erzeugt mit Wordle, einem Dienst zur Erzeugung von sog. ‚Word Clouds‘. Dazu hat es gereicht, das System mit dem vollständigen Text eines Aufsatzes über Gerhart Hauptmanns Leopardi-Lektüre (abrufbar als PDF) zu füttern und einige Einstellungen vorzunehmen. So läßt sich auch optisch eindrucksvoll Aufmerksamkeit für Texte erzeugen…



Wordle: Gerhart Hauptmann liest Leopardi

Vom Werden eines angeblichen Hauptmann-Zitats

Als einer der am häufigsten zitierten Aussprüche Gerhart Hauptmann bewährt sich der Satz aus der Trauerklage über die Zerstörung Dresdens: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.“ Durch eine Sendung des ZDF über August den Starken kam jetzt die Frage auf, ob es sich um Selbstzitat handele, denn beim Anblick des Grünen Gewölbes habe der Dichter geschwärmt: „Wer das Staunen verlernt hat, der lernt es hier wieder“ (Quelle: http://terra-x.zdf.de/ZDFde/inhalt/12/0,1872,7527916,00.html, besucht am 21.03.2009).

Die Sache war mir neu. In Hauptmanns Werk finden sich zwar massenweise Parallelstellen, doch hier dürfte es sich um einen Irrtum handeln. In einem Artikel des ‚Hamburger Abendblatts‘ anläßlich der Wiedereröffnung des Historischen Grünen Gewölbes vom 1.9.2006 schreibt Matthias Gretzschel: „Und in Abwandlung eines berühmten Ausspruchs des über den Untergang Dresdens trauernden Dichters Gerhard [sic] Hauptmann möchte man sagen: Wer das Staunen verlernt hat, der lernt es wieder beim Rundgang durch das auferstandene historische Grüne Gewölbe.“ (Quelle: http://www.abendblatt.de/daten/2006/09/01/605354.html?s=1, besucht am 21.03.2009)

Von dort aus fand das scheinbare Zitat den Weg in die Wikipedia, wie die Versionsgeschichte des Artikels über das Grüne Gewölbe zeigt, zunächst sogar mit der inzwischen korrigierten falschen Schreibung von Hauptmanns Vornamen (Vergleich der Versionen vom 01. und 02.09.2006, besucht am 21.3.2009), und seitdem wird es zu Werbe- und sonstigen Zwecken gern nachgeplappert.

Zum Start

Es war höchste Zeit, nun ist es soweit: Auch die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft e.V., Berlin, hat eine eigene Internetpräsenz. Was macht schon eine Verzögerung um drei Wochen bei der Arbeit an der Dissertation,wenn dafür die GHG zwei Jahre eher als gedacht online geht.

Technische Grundlage ist des Content-Management-System Joomla!, was für den Anfang vielleicht etwas überdimensioniert wirken könnte, aber zwei große Vorteile hat: Beim weiteren inhaltlichen Ausbau sind technische Fragen weitgehend sekundär, außerdem können diese Seiten gemeinsam gepflegt werden.

Und nicht zuletzt gibt es nun das Hauptmann-Blog, so daß es hier im besten Fall nicht bei wenigen festen Seiten bleibt, sondern ein Forum entsteht, in dem Mitglieder Neuigkeiten und sonst Mitteilenswertes über Gerhart Hauptmann loswerden können. Wir werden dieses Weblog auch für Ankündigungen – Mitgliederversammlung, Veranstaltungen, Neuerscheinungen und dergleichen mehr – nutzen.