Call for Papers zur Tagung „Gerhart Hauptmann und die Natur“

Die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft lädt in Kooperation mit der Staatsbibliothek zu Berlin, der Gerhart-Hauptmann-Stiftung Kloster auf Hiddensee und dem Gerhart-Hauptmann-Museum Erkner zu einer internationalen Tagung vom 17. bis zum 19. November 2022 in der Staatsbibliothek zu Berlin, zum Thema ‘Gerhart Hauptmann und die Natur’, ein.


Fortschreitende Naturzerstörung und der damit einhergehenden Klimawandel zeigen die Aktualität von Fragen, die bereits die Literatur der frühen Moderne aufwarf. Die Tagung „Gerhart Hauptmann und die Natur“ soll Gerhart Hauptmanns Verhältnis zum Thema „Natur“ beleuchten und lädt dazu ein, diese Erkenntnisse in aktuelle Diskurse um Klimawandel und „Nature writing“ zu stellen. Natur als Stichwortgeberin des „Naturalismus“ und als Gegenbegriff zur Zivilisation, die im Zuge der zunehmenden Urbanisierung um 1900 in den Fokus rückt, sollen ebenso wie die Diskurse um Darwinismus und Monismus und die anthropologische Dimension des Begriffes beleuchtet werden. Ein detailliertes Abstract finden sie im Folgenden.

Termin: 17. – 19. November 2019
Ort: Berlin: Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Simon Bolivar Saal
Redezeit: 30 Minuten
Konferenzsprache ist Englisch und Deutsch
Die Publikation der Tagungsbeiträge soll in der Schriftenreihe der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft und der Gerhart-Hauptmann-Häuser als 2. Band im Quintus Verlag erscheinen.
Das Thema Ihres Vortrages und/oder eine Zusammenfassung von 250 bis 300 Wörtern teilen Sie uns bitte an folgende Email Adresse mit: SchweissingerM@Cardiff.ac.uk

Gerhart Hauptmann und die Natur

Natur als äußere Natur/Realität/Wirklichkeit (vgl. Arno Holz: Kunst = Natur – x)

Dazu gehören alle Diskussionen über Hauptmanns zwiespältiges Verhältnis zum „Naturalismus“ und die Theorie dieser oft als Ausgangspunkt der Moderne aufgefassten, sich teils dezidiert auf das Vorbild der Naturwissenschaften berufenden Richtung.

Bemerkenswerterweise nimmt Hauptmann, wenn er seinen eigenen ästhetischen Standpunkt bezeichnet (vorzugsweise mit dem Begriff „Realismus“) auf ein Paradigma aus den nachfolgend benannten Bedeutungskomponenten von „Natur“ Bezug: „Wenn ich das Wort Realismus höre, so denke ich etwa an eine grasende Kuh. Spricht jemand von Naturalismus, so sehe ich Emile Zola vor mir mit einer dunkelblauen großen Brille“ (CA XI 760; ähnlich auch in der unten zitierten Rede Der Baum von Gallowayshire). Insofern lohnt sich die Überlegung, was Naturalismus und „nature writing“ (in der deutschen Gegenwartsliteratur beispielsweise bei Judith Schalansky) miteinander zu tun haben.

Natur als Gegenbegriff zu Stadt oder menschlichem Siedlungsraum (etwa im Sinn von: unberührte oder in sehr ursprünglicher Weise bebaute Landschaft) gewann im Zuge der Großstadt- und Zivilisationskritik um 1900, insbesondere der Lebensreformbewegung, geradezu programmatische Bedeutung. Als aktuelle Vergleichspunkte bieten sich heute Naturschutz bzw. grüne Umwelt- und Klimapolitik an.

Hauptmann folgt dieser Programmatik oder antizipiert sie fast in der Wahl seiner Wohnorte (Erkner statt Moabit, Wiesenstein im Riesengebirge, verschiedene Aufenthalte und schließlicher Hauskauf auf Hiddensee). Produktiv erweist sich dabei besonders der Erkner-Aufenthalt durch die Entdeckung und literarische Vergegenwärtigung einer spezifischen Vorort-Natur – man denke an den vom Schienenstrang durchschnittenen Forst in Bahnwärter Thiel oder die Naturalien-Delikte (Wilderei, Biberpelz- und Brennholz-Diebstahl) in Hauptmanns frühem, am Rand der Großstadt angesiedeltem Lustspiel.

Auch die Reisen nach Oberitalien und Griechenland lassen sich großenteils diesem „Natur“-Kult zuordnen, ja thematisieren das Kultische daran geradezu im Aufspüren archaischer Fruchtbarkeitsreligionen etc. (siehe Griechischer Frühling, Der Ketzer von Soana, aber auch Grabgeburt und Name des Protagonisten „Erdmann“ im Neuen Christophorus)

Daran schließt sich der (pseudo-)rousseauistische Impuls eines „Zurück zur Natur“ an, dessen letzte Konsequenzen bei Hauptmann aber stets ironisiert oder tragisch gebrochen werden; vgl. die Südsee-Erzählungen Die Insel der Großen Mutter und Das Meerwunder.

Natur als Sammelbezeichnung für Tiere und Pflanzen aller Art und ihre Lebensgesetze

Der Blick auf die Verhältnisse in Fauna und Flora gewann durch den Darwinismus und den auf ihn aufbauenden (ihn gleichzeitig auch verwässernden) Monismus neue weltanschauliche Bilanz; für Hauptmann wird ein solcher philosophisch-religiöser Blick auf die Natur vor allem durch die Freundschaft mit Wilhelm Bölsche relevant (der auf die Naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie den Bestseller Das Liebesleben in der Natur folgen ließ). Andererseits ist ihm das darwinistische Denken in Zucht- und Vererbungskategorien seit frühster Zeit durch Alfred Ploetz vertraut (siehe unten). In einer Rede von 1928 sieht Hauptmann die Entwicklung des deutschen Dramas insgesamt in Analogie zum Wachstum eines alten Baumes, der sich im Lauf der Zeiten von einer Mauer losmacht und den „Mutterboden“ (!) sucht (CA VI 789). Angesichts der Virulenz der Tier-Metaphorik bei Hauptmann bietet sich eine Erprobung von Fragestellungen aus dem Bereich aktueller Animal Studies an. Dabei geht es schon aus Gattungsgründen (Hauptmann als Dramatiker!) regelmäßig um die Übertragung auf den Menschen, nämlich:

Natur als anthropologische Dimension:

Die Anschauung des Menschen als Natur- und das heißt in erster Linie Triebwesen gehört zum Grundbestand des Naturalismus und ist schon von Zola vorbuchstabiert worden. Bei Hauptmann kristallisiert sie sich um mehrere Schwerpunkte: die Auffassung der Frau als Muttertier, die sich in Schwangerschaft und Geburt dem natürlichen Lebenszyklus angleicht (Rose Bernd, Insel der Großen Mutter), die Auffassung des (männlichen!) Schaffensprozesses als Zeugungsakt, die Aufwertung der Sexualität überhaupt als ‚natürlicher‘ Lebensäußerung, ja Erfüllung des Lebens und die Deutung zwischenmenschlicher Konflikte als Akt tierischer Aggression: ironisch schon in der Konkurrenz von Wölfin und Wehrhahn im Biberpelz, ernster schon in den Ratten, in denen der Mörder Bruno eine tierische Physiognomie zu tragen und sich das Verhalten der Großstadtmenschen vom Theaterdirektor an nach dem Vorbild einer Nagetierwelt zu organisieren scheint. Hauptmann kokettiert verschiedentlich mit dem Modell eines moralinfreien „Elementaren“ – in seinen Statements zum Ersten Weltkrieg ebenso wie im Dramenfragment Wenn der Hirsch schreit. Gegen eine regelrechte Gleichsetzung von Tier und Mensch dagegen hat er sich wiederholt energisch verwahrt: in der frühen Kritik an Ploetz’ Zuchtwahl-Konzept in Vor Sonnenaufgang, in der Ablehnung von Nietzsches „Übermensch“ 1933 und der Kritik an den nationalsozialistischen Rassegesetzen, die noch in der Problematisierung der Euthanasie-Politik in den Entwürfen zum Märchen nachklingt.
Als Schwerpunkte einer Tagung zum Thema „Gerhart Hauptmann und die Natur“ bieten sich demnach (bei Zusammenziehung des dritten und vierten Aspekts) mindestens drei Programmschwerpunkte oder Sektionen an:
A. Naturalismus und Nature writing
B. Naturerlebnis und Naturkult im Zeitalter der Naturzerstörung
C. Animal world im Drama?

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